Hreshzar

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Der Erlkönig. Ich fahre über das feste Pergament, die Kuppen meiner Finger streichen über unzählige Wörter, niedergeschrieben vor ebenso unzähligen Jahren. Das trockene, raue Geräusch hat eine unwahrscheinlich beruhigende Wirkung. Ich kann die Tinte spüren. Das elfische Papier hat keine Unebenheiten, die Schrift ist filigran und makellos – nur ein milder, vielleicht sogar im innersten Sinne befriedigender Schleier aus Sepia erinnert an die Äonen, die der Autor, Jeshessi’ir Mev, bereits im Hain der Ewigkeit ruht. Wenigen Erzählungen gelingt es, mich so zu beschwören, meine Neugier zu wecken und meinen Geist zu fesseln. Aber viel weniger ist es die larmoyante Ästhetik, die Mev wieder und wieder überspitzt, um sich dann im letzten Exzess der fremden Wirklichkeit des Erlkönigs hinzugeben – so weich diese elfische Feder auch sein mochte, nie war es das reine Tränenspiel, die Komödie oder der absonderlichste Twist, der dieses ehrfürchtige Rauschen meines Fleisches zu verschulden hatte – es war der Atem des Vergangenen, die Kontextuierung jeder sauber kaligrafierten Zeile bezüglich einer fremden Realität. Hreshzar würde wieder seine Späße machen. Er würde mich aufziehen, mich des außerordentlichen Scharfsinns bezichtigen und dabei nur meinen, mir wäre über die Jahre die Leidenschaft abhanden gekommen. Doch das ist sie nicht. Er mag gewitzt sein und clever, aber das Wesentliche bleibt ihm oft verborgen, wie für mich die lieblichen Tiraden des toten Elfen. Was wäre denn das nur für ein abscheulicher Terminus! Leidenschaft als Erotik der Letter, die sie da sind, mit Bedeutung, aber ohne Seele, ohne Verankerung im Dasein. Wo bliebe dabei nur das Leid? Vielleicht wird er das eines Tages verstehen. Der Erlkönig ist die Exegese einer Literatur, die beinahe so lange tot ist, wie Literatur als solche überhaupt existiert. Und auch, wenn ich irgendwo weiß, was er meint, wenn ich überzeugt bin, mich ebenso dieser leidlosen Leidenschaft hingeben zu können, sollte ich es denn verlangen – die Erzählung ist für mich nie mehr gewesen als der süffisante Beigeschmack einer so viel größeren Sache. Sie stünde nicht im Regal für Poesie, selbst wenn ich so eines hätte. Schon in Wroat wusste man das zu schätzen, was uns Mev hinterlassen hatte. Aber ich möchte Erzählungen nicht verurteilen. Virtuos ist nun ja doch vieles und diese Fiktion der Begegnung zweier Welten – des getriebenen Protagonisten und des unendlichen Erlkönigs – sehr wahrscheinlich sogar in höchstem Maße. Und wer weiß, ob ich mir dies auch ohne Hreshzar eingestehen könnte. Vielmehr muss ich doch zugeben, irgendwo die Hoffnung zu haben einst nochmal durch seine Augen blicken zu können. Als Romantik bezeichnete er den Erlkönig, als ewigen Geist eines lange verrotteten Körpers. Wenn das die großen Magier unserer Zeit hörten, während sie danach streben, ihre Seele zu veräußern, um den Tod und das Leben zu täuschen. Wenn sie alle doch einfach mit dem jungen Hreshzar sprächen und verstünden, wie einfach die Ewigkeit sein kann.

Hreshzar.jpgEr schläft bereits. Seine Ruhe täte mir gut. Beinahe ein Jahr sind wir bereits zusammen unterwegs und je länger ich dieses erstaunliche Kind bei mir habe, desto mehr frage ich mich, ob nicht ich derjenige bin, der noch zu lernen hat. Der aufgenommen wurde. Vielleicht ist Hreshzar meine Chance all das zu erleben, was mir verweht bliebe. Familiäre Zuneigung, ein extrinsischer Faktor, der meine Semantik aus der rastlosen Schleife befreit, meinen Geist hervorbringt und den Schleier der akademischen Verblendung von mir nimmt. Vielleicht – ja, vielleicht ist er aber auch einfach nur das transzendentale Moment meiner Existenz, welches ich zu hinterfragen niemals im Stande sein werde…

Das wird eine lange Nacht. Er hat mehr Vertrauen in diesen verflixten Spruch als ich, vom ersten Tag an. Dabei gelingt er mir bereits ausgesprochen gut. Als ich damals damit begann den Raum zu nutzen sah das noch anders aus. Ha – wie habe ich geflucht! Mal war es das Seil, das tat, was es wollte, mal waren es diese grässlichen Farben. So unpräzise war mein Verstand, so weit entfernt vom Verständnis selbst einfachster Zaubertricks. Mehr schlecht als recht habe ich damals die Augen zutun können. Ach und ich kann es ja bis heute nicht. Der Raum ist aber zumindest ganz ansehnlich, die Farben warm und einladend. ‘Komplementär, komplementär!’, rief er immer. Recht hatte er. Nur leider bleibt mein Schlaf seither trotzdem hager. Wie muss das gewesen sein, Jeshessi’ir? Ein Blutsegen? Oder ein Fluch? Ich wüsste es gern.
Eine obszöne Sachlage ist das hier. Vollkommen isoliert wach liegen nur mit dem seltsamen Jungen an einem Ort, der nicht existiert. Vor wenigen Jahren noch waren an seiner statt raue Gefährten mit scharfen Klingen und breiten Schultern. Es herrschte Treiben, man fragte mich unentwegt, ob aus Neugier oder Bedarf. Und ich saß in einem Zelt. Einem echten Zelt mit Stoffbahnen, Ösen, Harken, Tauen und was eben zu einem echten Zelt gehört. Doch meine Versuche sie aufzubauen waren ähnlich lachhaft, wie die grässlich bunten, verbeulten Versuche die ersten Räume zu formen. Schallendes Gelächter in den Abendstunden, ständig der Geruch des Weltlichsten und die anhaltende Atmosphäre der Hilflosigkeit, waren sie doch alle stets angewiesen auf gegenseitige Anerkennung. Eine Ersatzbefriedigung, wenn nichts bleibt als das Tatsächliche, weil Metaphysik den eigenen Horizont überschreitet. Natürlich gab es Ausnahmen. Junge Zauberwirker, ja, sie waren oft die Neugierigen, hatten allerhand Fragen. Und ich war ebenso neugierig, stellte aber derselben keine. Und jetzt sitze ich hier, bin einer von Ihnen und umgeben von eigener Magie. Nur jung – jung bin ich nicht.
Merrix war ebenso eine Ausnahme. Ich freue mich sehr, ihn morgen zu treffen, viel zu lange ist es her. Viel Neues werde ich ihm zeigen können und viel Neues wird er zu berichten haben. Hreshzar wird ihn erstaunen, niemals hätte er gewettet, mich so an einen kleinen Jungen gebunden zu sehen, das weiß ich. Grau wird er sein, noch immer stattlich und wenn ihm die Götter wohlgesonnen sind vielleicht auch etwas weiser. Wie sich die Zeiten doch ändern…

Torgar fand Hreshzar in den dunklen Gassen Sharns, abgemagert, kränkelnd und von Angst getrieben. Wäre da nicht wieder einer dieser Zufälle – der unsichtbare Zwerg, vor dem Hreshzar geflohen wäre, hätte er ihn nur gesehen, und Hreshzars Mantel, viel zu groß, auf dem der wachsame Zwerg ein Symbol entdeckte, das ihm überaus bekannt vorkam. Der stählerne Bulle der Canniths, beinahe verblichen auf dem zerschlissenen Stoff, für Torgar umgehend von Interesse. Weder der Wechselbald, noch Torgar selbst entsinnen sich noch an Details, doch so kam es, dass ein selbst für Sharn ungewöhnliches Team gemeinsam die eigene Existenz zu verteidigen begann. Der Waisenjunge ohne Herkunft, ohne Erinnerung, aber mit Finesse im Kampf und cleveren Einfällen ergänzte Torgars umfassende Expertise im Überleben auf den Straßen und im Schlund Sharns vortrefflichst und so machten die beiden sich schnell einen Namen in den Kreisen jener, die Geld für das boten, was eigentlich niemand tun wollte….

Hreshzar

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